Egal, was man sich an die Füße schnürt und wie man es nennt, ob Bergstiefel, Wanderstiefel, Wanderschuh, Trekkingstiefel oder Hiking boot, die Passform entscheidet. Aber wie findet man selber raus, ob es passt oder nicht? Keine magische 1-2-3-Lösung, aber eine detaillierte Anleitung zu Anprobe und Kauf.

Wanderstiefel Passform: Die Voraussetzungen

Um die Wanderschuhe zu finden, welche bestmöglich passen und für den gedachten Einsatzbereich auch geeignet sind, sollte man unbedingt einige Regeln beachten:

  • Für welchen Zweck (Einsatzbereich) sind sie gedacht sind? Es gibt durchaus Überschneidungen in den Anwendungsgebieten, aber der Schuh für den Klettersteig in den Dolomiten ist nun mal nicht ideal für die Wanderung im Mittelgebirge.
  • Man braucht Ruhe und Zeit für Anprobe und Auswahl.
  • Die eigenen Socken bzw orthopädischen Einlegesohlen sind bei der Anprobe dabei.
  • Das Aussehen des Stiefels ist erst mal zweitrangig. Dessen sollte man sich vorher bewusst sein. Jedwede Vorgabe bezüglich der Optik reduziert die Auswahl.
  • Eine geeignete Bezugsquelle will ausgewählt werden. Grundvoraussetzung für den gelungenen Einkauf, ist dies nicht der einfachste Teil.

Zwei Möglichkeiten gibt es jetzt, überhaupt Wanderschuhe zu probieren und an ein geeignetes Paar zu gelangen.

Zum einen die Bestellung im Versandhandel. Das hat den Vorteil der nahezu unbegrenzten Auswahl, aber auch den drastischen Nachteil, das man nicht mal ansatzweise erkennen kann, welches Modell (mit welcher Passform!) in welcher Größe nun für die eigenen Füße geeignet wäre.

Zum anderen das spezialisierte Fachgeschäft mit seinem im Idealfall erfahrenen Personal und einer breiten Auswahl an verschiedenen Schuhmodellen. Man hat hier nicht den direkten, unbeschränkten Zugriff auf alles, was der Markt hergibt, das könnte kein Händler leisten. Dafür aber mit etwas Glück jemanden, der sich genau anhört, was man will, in der Lage ist, die Füße von der Form her einzuschätzen und vor allem auch die zur Auswahl stehenden Schuhmodelle und ihre jeweiligen Passformen kennt.

Hallux valgus

Hallux valgus

Die großen deutschen Hersteller Hanwag, Lowa, Meindl verwenden alle verschiedene Leisten für ihre Modelle: wenn Hanwag als “Normal breit” anzusehen wäre, ist Lowa eher etwas schmaler und Meindl deutlich breiter geschnitten.

Das variiert natürlich auch innerhalb der Modellpalette eines Herstellers, jeder hat breitere und schmalere Modelle im Sortiment, Überschneidungen gibt es immer.
Ein Beispiel: Der Hallux valgus ist eine sehr häufig vorkommende Fehlstellung der großen Zehe.Ein Schuhkäufer mit einem solchen Fuß wäre schlecht beraten, würde ihm z.B. ein Hanwag Banks zur Anprobe gegeben. So gut dieses Schuhmodell auch ist, mit seiner auf den normal breiten Fuß ausgerichteten Passform ist es hier schlichtweg ungeeignet. Sinnvoll dagegen wäre es, z.B. den Meindl Matrei zu probieren. Dieses Modell, in jeder Hinsicht auf gleichem Niveau wie der o.g. Hanwag Banks, ist viel besser geeignet, an einen durch Hallux valgus geschädigten Fuß zu passen.

meindl_comfort_fit_leisten

Meindl Comfort fit Leisten

Mit seinem speziellen Comfort fit-Leisten bietet er mehr Raum für die Zehen, reduziert dadurch den sonst immer vorhandenen Druck auf das hervorstehende Großzehengrundgelenkund sorgt für eine gerade Stellung der großen Zehe. Zu sehen hier im Vergleich: eine Einlegesohle mit normalem Leisten auf einer mit Meindl Comfort fit Leisten.

Update

Folgende Marken und Modelle eignen sich sehr gut für Füße mit Hallux valgus und Hallux rigidus:

Keen Durand Mid WP

Teva Riva Peak Mid eVent

Hanwag Alta Bunion

Wanderstiefel Passform: der eigene Beitrag

Wie kann man jetzt selber herausfinden, ob der Schuh auch wirklich passt?

Zuerst mal sollte man in der Lage sein, sich von lieb gewordenen Gewohnheiten und Ansichten zu befreien. Die sonst in Straßen- oder Sportschuhen übliche Größe dient nur als Ausgangsbasis für die Anprobe. Verschiedene Schuhmodelle fallen immer unterschiedlich groß aus und sind auch unterschiedlich geschnitten. Zudem gelten beim Wanderschuh etwas andere Kriterien für die Passform als z.B. beim Straßenschuh, die Zehenbox wird immer etwas geräumiger sein müssen, damit man vorne nicht anstößt. Außerdem sind Wanderschuhe in erster Linie Gehwerkzeuge und somit kein Mittel zur Unterstreichung der Persönlichkeit bzw optischen Ergänzung der Garderobe. Mit ihnen ist man dort unterwegs, wo keine öffentlichen Verkehrsmittel vorzufinden sind und auch kein Taxistand direkt um die Ecke ist. Wählt man die Schuhe für den Alltag nach persönlichem Gefallen, so ist bei der Auswahl des Wanderschuhs das Ziel, schmerz- und blasenfrei unterwegs zu sein.
So sollte es nicht sein:

  • “Ich suche einen Schuh, der zu meinem Hut passt”
  • “Mein Fuß sieht in dem Schuh so groß aus, haben Sie auch andere?”
  • “Haben Sie nicht auch femininere Wanderschuhe?”

Wer so denkt und redet, sollte vielleicht eher einen Strandurlaub in Erwägung ziehen, denn seine Auswahlmöglichkeiten sind doch aufgrund solcher Unvernunft drastisch eingeschränkt. Man kann seine Wanderausrüstung nach allen möglichen Gesichtspunkten zusammenstellen und hat überall freie Auswahl, aber die Schuhe müssen einfach passen. Egal ob sie jetzt gefallen oder nicht, etwas mehr oder weniger kosten. Wenn sie drücken, Blasen und Schmerzen verursachen, ist der Urlaub gelaufen.

Wanderstiefel Passform: die Anprobe

Wird ein Schuhmodell probiert, sollte der Träger auch in der Lage sein, die Paßform zu erspüren. Leider fällt es vielen Menschen eher schwer, das dafür notwendige Körpergefühl zu entwickeln.
Am einfachsten ist es, wenn man den Fuß in drei Bereiche einteilt:

  • Vorfuß = Zehen: Die Zehen brauchen Platz, sie dürfen nicht eingeengt werden.
  • Mittelfuß = Spann: Festen Halt gewinnt der Fuß durch die Schnürung am Spann.
  • Rückfuß = Ferse und Knöchel: Die Ferse hat ein ganz klein wenig Spiel um das Abrollen zu erleichtern.

Zur Anprobe benötigt man die Socken, welche man hinterher auch im Schuh tragen will. Die Dicke der Socken hat Einfluß auf die Paßform und die gewählte Größe. Desgleichen evtl. vorhandene orthopädische Einlegesohlen. Diese sind zumeist dicker als die üblicherweise von den Schuhherstellern mitgelieferten Einlegesohlen und können so die Zehenbox verkleinern.

Wanderstiefel Passform: Richtig schnüren

  • Schuh anziehen und nur mit der Ferse auf den Boden aufsetzen, Fuß und Unterschenkel bilden einen rechten Winkel.
  • Die Ferse wird fest nach hinten/unten gedrückt, der Socken dadurch komprimiert.
  • Die Schnürung am Spann angezogen und dann mit einer Umschlingung der Tiefzughaken (Meindl Digafix, Hanwag Deep Pull Lacing) fixiert.
  • Dann wird der Schaft geschnürt, nicht notwendigerweise genauso fest wie der Spann. Die Tiefzughaken trennen diese Bereiche.
  • Am Spann wird der Fuß nun durch den Schuh satt aber mit ganz leichtem Spiel umfasst: zu fest geschnürt und es drückt, zu locker und der Halt fehlt.

Wanderstiefel Passform: Die Zehen

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Anprobe auf der Rampe

Jetzt wird im Geschäft herumgelaufen und man kann wieder feststellen, ob der Laden überhaupt etwas taugt, denn nun kommt eine Rampe zum Einsatz, welche unbedingt vorhanden sein muß. Nur durch Stehen auf einer solchen Rampe kann man feststellen, ob der Schuh auch lang genug ist. Es ist völlig normal, das beim Bergabgehen der Fuß im Schuh ca 0,5 cm nach vorne rutscht, bis er von der Schnürung gestoppt wird. Der Fuß kann im Schuh nicht so fest fixiert weren, das er beim bergabgehen unverrückbar fest sitzt. Spätestens wenn der Fuß im Laufe des Tages anschwillt beginnen dann die Schmerzen. Fuß und Schuh sind ein dynamisches System, sie arbeiten mit- und manchmal auch gegeneinander. Ein leichtes Anstoßen der Zehen an den Seiten ist normal, der große Zeh z.B. wird vorne innen immer etwas am Schuh anstoßen. Mehr aber nicht. Niemals sollte bei diesem Probieren auf der Rampe der ganze Fuß vorne in der Spitze voll anstoßen. Wenn doch, wird die nächste halbe Größe probiert, solange, bis dieses Anstoßen nicht mehr vorkommt. Man kann nahezu alles an einem vorhandenen Schuh verändern, aber die Länge ist vorgegeben, zu kurz bedeutet das es nicht passt.

Jede halbe Größe macht in Länge und Breite ca. 4 mm aus. Das hat zur Folge, dass ein Schuh mit wachsender Größe nicht nur länger, sondern auch breiter wird! Evtl ist dann der Punkt erreicht, wo der Schuh zwar in der Länge passt, aber viel zu breit ist. Da fehlt dann der seitliche Halt und der Fuß rutscht erst recht im Schuh herum. Da muß dann ein anderes Modell mit einem passenderen Verhältnis von Länge zu Breite probiert werden. Eine Möglichkeit der Feinanpassung besteht darin, mit unterschiedlich dicken Socken und Einlegesohlen zu experimentieren.

  • So macht z.B. bei Socken von Falke zwischen den Modellen TK1 und TK2 der Unterschied in der Dicke ca 1/3-Schuhgröße aus.
  • Die Einlegesohlen der verschiedenen Hersteller können in der Dicke mehrere Millimeter variieren.

Socken und Einlegesohlen bieten fast unendliche Variationsmöglichkeiten und mit all diesen Variablen und einer Auswahl an geeigneten Schuhmodellen läßt sich die bestmögliche Passform finden.

Wanderstiefel Passform: der Spann

Ein Wanderschuh, welcher sich nicht schon vom ersten Hereinschlüpfen an als ungeeignet erwiesen hat, wird erst mal einige Zeit am Fuß belassen. Das Leder dehnt sich durch die Fußwärme aus, die Polster setzen sich, die Passform am Fuß verändert sich. Was vorher stramm saß, ist jetzt lockerer, es muß nachgeschnürt werden. Jetzt stellt man sich auf der Rampe im rechten Winkel zum Gefälle. So kann man die Steifigkeit des Schaftes vollständig erfahren und merkt auch, ob der Schuh zu groß bzw. weit ist. Wäre das der Fall, würde sich der gesamte Fuß im Schuh verdrehen. Satt muß der Fuß umfasst werden, aber drücken sollte nichts.

Wanderstiefel Passform: Die Ferse

Die oft gelesene Behauptung, die Ferse sollte genau wie der Rest des Fußes einen perfekt spielfreien Sitz im Schuh haben, ist grundfalsch. Es ist in einem Wanderschuh gar nicht möglich, die Ferse so zu fixieren, dass sie beim Laufen nicht etwas im Schuh “arbeiten” würde.

Bei einem an den Fuß angeschäumten Skistiefel ist es möglich, den Fuß fast völlig zu fixieren, nur die Socken sorgen noch für etwas Spiel. Bei einem Laufschuh andererseits wird u.a. durch die sehr weiche und flexible Sohle der Schuh den Bewegungen des Fußes beim Abrollen folgen, ein “Anlupfen” der Ferse wird so weitgehend verhindert. Der Wanderschuh befindet sich genau zwischen diesen beiden so gegensätzlichen Schuhtypen. Hier soll ein weicher, flexibel abrollender Fuß in einem relativ starren Schuh gehalten und geführt werden.

Beim Abrollen geschieht Folgendes: Fußsohle und Schuhsohle beschreiben zwei Kreisbahnen. Dabei wird auf der inneren die Fußsohle, relativ zur äußeren Kreisbahn mit der Schuhsohle, etwas nach vorne oder hinten ausweichen müssen. Ein strammer und völlig spielfreier Fersensitz würde auf Dauer zu Druckstellen führen. Wenn die Ferse dagegen “nur” satt umschlossen und vom Socken gepolstert wird, kann sie sich ganz leicht bewegen und die wenigen Millimeter Spiel, die immer vorhanden sind, werden von der Polsterung der Socken aufgefangen. Auch deswegen, nicht nur wegen des o.g. “Nach-vorne-Rutschens” während des Bergabgehens sollte ein Wanderschuh deutlich länger sein als der Fuß.

Die theoretisch beste Zeit für Anprobe und Kauf ist der Abend, da die Füße normalerweise im Laufe des Tages etwas anschwellen. Es ist unabdingbar, das ein Paar Wanderschuhe auch mal eine Stunde und mehr am Fuß gelassen wird, um wirklich sicher zu sein, ob Schuh und Fuß zusammenfinden können. Allerdings gibt es wahrlich schöneres, als mehrere Stunden in einem Geschäft hin und her zu laufen und irgendwann am Abend schließen diese auch.

In einem guten Fachgeschäft gibt es dann folgendes Angebot: “Kaufen Sie die Schuhe und tragen Sie diese in den nächsten Tagen, abends mehrere Stunden am Stück in aller Ruhe. Nur in der Wohnung, nicht verkratzen, nichts draufkleckern. Wenn Sie dann sicher sind, das es die richtigen sind: einwachsen und draußen tragen. Ansonsten bringen Sie die Schuhe zurück und bekommen Ihr Geld wieder.”

Wanderstiefel Passform: Nach dem Kauf

Wenn man dann die passenden Wanderschuhe gefunden hat, beginnt das Einlaufen: Fuß und Schuh müssen sich erst mal aneinander gewöhnen. Das geht selten über Nacht und je dicker das im Schuh verwendete Leder, desto länger kann es dauern. Wichtig: Leder passt sich im Laufe der Zeit sehr gut an den Fuß an, synthetische Materialien deutlich weniger. Ein Schuh wie z.B. der Hanwag Altai GTX, fast vollig aus synthetischen Materialien gefertigt und mit einem sehr hohen Gummirand versehen, muß von vorn herein passen, denn seine Anpassungsfähigkeit ist eher gering. Der vom Leisten her sehr ähnliche Hanwag Tatra, komplett (inklusive Futter) aus Leder gefertigt und ohne hochgezogenen Gummirand,, wird sich dagegen im Laufe der Zeit nahezu perfekt an den Fuß anschmiegen. Sein Pendant mit Goretexfutter, der Hanwag Tatra GTX, hat da schon deutlich weniger resreven was die Anpassung an den Fuß betrifft. Auch hier läßt sich mit verschiedenen Wandersocken und Einlegesohlen experimentieren, um die Passform im Detail zu verbessern. Im Zweifelsfall sollte immer gelten, dass man sich Zeit läst und evtl noch mal im Geschäft vorbeischaut und weiter probiert. Niemals sollte man ein Paar Wanderschuhe kurz vor einer Tour kaufen, sondern immer mehrere Wochen zum Einlaufen einplanen.

Wanderstiefel Passform: Fazit

Es ist alsodurchaus möglich, wirklich gut passende Wanderschuhe zu finden. Man braucht nur Geduld, Zeit, Geld und etwas professionellen Beistand um dann jahrelang beschwerdefrei und komfortabel zu wandern. Bei nachfolgend entsprechender Pflege stellt ein gut ausgewähltes und eingelaufenes Paar Wanderschuhe eine sinnvolle Investition dar.
Die meisten Modelle sind auch besohlbar, so das abgelaufene Sohlen, zerbröckelte Weichtrittkeile und rissige Gummiränder keinen Anlaß geben, das gewohnte und gut eingelaufene Paar zu entsorgen.

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